F L Ü G E L B I L D E R
Eröffnungsrede zur Ausstellung in der Kölner Grundschule Zugweg
von Walter Vitt

Liebe Schülerinnen und Schüler, ich begrüße auch Eure Lehrer,
sehr geehrte Eltern,

als ich so alt war, wie ihre Kinder es jetzt sind, und zum ersten Mal einen steinernen Engel auf einem Grab sah, war ich sehr erstaunt. Die steinerne und jugendlich wirkende Schönheit hatte zwar Flügel, aber wie sollte sich diese schwere Figur durch die Luft bewegen können, um die Toten ins Jenseits zu begleiten? Ich dachte mir Engel als Lichtwesen, man hatte mir es so erklärt, so licht, so sehr durchsichtig, dass man sie nicht sehen kann. Nie hat ein Mensch Engel gesehen. Und doch leben sie in unserer Vorstellung – zu allen Zeiten war das so, in vielen Völkern, im religiösen Denken, von Propheten beschrieben, von Künstlern gezeichnet und gemalt und eben auch als Skulpturen geschaffen.

Später, als Erwachsener, sah ich auf einem Grabstein einen Engel, der in den Stein mit Umrisslinien eingeritzt war, die Steinmetze sagen: eingeschlagen war. Da erinnerte ich mich an die schwere Engelsfigur meiner Kindertage und dachte: Wenn Du diesen zart geritzten Engel als Kind gesehen hättest, hättest Du nicht daran gezweifelt, dass er fliegen kann. Ich zeigte den geritzten Engel einem Kind, das mit seinen mir bekannten Eltern über den Friedhof ging, und fragte den Jungen, was er von diesem geritzten Engel hielte, ob der wohl fliegen könne. Er sagte: »Ganz unmöglich. Wie soll der Engel denn aus dem Stein herauskommen!« Schlaues Kerlchen, dachte ich. An dieses Problem hatte ich gar nicht gedacht. »Da hast Du wohl recht«, rief ich ihm nach, denn er war schon seinen Eltern hinterher gelaufen, die nach einem Gruß weitergegangen waren.

Da wir nicht wissen, wie Engel wirklich aussehen, haben wir ihnen nach unserer Vorstellung Gestalt gegeben. Es hat Sinn, dass wir sie uns mit Menschenkörpern und Vogelschwingen vorstellen. Die Flügel sind ein Zeichen ihrer Aufgaben als Boten zwischen Himmel und Erde, der Menschenkörper entspricht unserer eigenen Gestalt und flößt uns deshalb Vertrauen in sie ein – und wir wollen einem Boten Gottes doch vertrauen. Und immer sehen wir Engel mit einem jungen, jugendlichen Körper.

Engel ist das deutsche Wort für das griechische Angelos – das heißt Bote. Aber in den Schriften gibt es nicht nur den Engel als Boten – wie er zum Beispiel Maria besuchte und ihr ankündigte, dass sie ein Kind zur Welt bringen werde, dem sie den Namen Jesus geben solle. Wir stellen uns auch einen Engels-Chor im Himmel vor, eine friedliche, Gott mit Gesang lobende Engelsgruppe, und andererseits sind uns sehr streitbare Engel beschrieben worden, ganze Heere von Engeln, die das Böse bekämpfen. Wir sehen sie als Wächter, als Heilige und vor allem als Schutzpatrone, als Schutzengel. Jeder von Euch ist gewiss schon einmal mit blutenden Knien nach Hause gekommen, und die Mutter hat gefragt, wie das hat passieren können. Und als ihr dann berichtet habt, wie ihr die Treppe herunterstürztet oder vom Fahrrad gefallen seid, hat Mutter vielleicht gesagt: »Na, da hat Dir aber ein Schutzengel zur Seite gestanden. Das hätte ja alles viel schlimmer kommen können«. Einigen Engeln haben wir Namen gegeben. Ihr kennt ihre Namen sicherlich auch: sie heißen Gabriel und Michael und Raphael. Von Gabriel sagte der Prophet Mohammed, der Stifter der islamischen Religion, dieser Erzengel sei es gewesen, der ihn in einer Vision zum Gesandten Gottes auf Erden berufen habe. Michael gilt als Schutzengel schon des alten Israel, aber auch der christlichen Kirchen, Raphael wird in der italienischen Malerei gerne als Schutzengel dargestellt.

Man könnte noch viel mehr über die Engel und Schutzengel sagen, aber wir sind hier ja zusammen gekommen, um über die Engel auf den Fotografien dieser kleinen Ausstellung zu sprechen. Es sind Fotos, die Engels-Skulpturen auf Kölner Friedhöfen zeigen, vor allem auf dem großen Friedhof Melaten, der mit seiner längsten Seite stadtauswärts an der Aachener Straße liegt. Dieser Friedhof wurde vor 200 Jahren angelegt, als Köln von den Truppen Napoleons besetzt war. Der französische Kaiser hatte es verboten, Tote innerhalb der Stadtmauern zu begraben.

Unsere Fotografien hier stammen von dem Kölner Fotografen und Designer Sebastian Linnerz, er ist heute anwesend und Ihr könnt ihn nachher gewiss auch befragen. Linnerz hat uns geschildert, wie er zu seinen Flügel-Bildern gekommen ist. Zunächst hat er bei seinen Friedhofs-Besuchen verschiedenste ihm interessant erscheinende Grabstätten fotografiert. Aber eines Tages stellte er fest, dass es immer mehr Engel wurden, für die er sich begeistern konnte. So entstand sein Projekt »Flügel-Bilder«.

Das erste, was Euch aufgefallen sein dürfte, ist die Tatsache, dass es in der Ausstellung keinen Engel vollständig zu sehen gibt. Der Fotograf zeigt uns immer nur Teile dieser Engel. So würde ein Kind keinen Engel malen. Und wenn ein Kind schon Spaß am Fotografieren hätte und auf den Spuren unseres Fotografen Linnerz Engelsskulpturen auf Friedhöfen fotografierte, dann würde es sich bemühen, die Engel vollständig zu knipsen, Kopf mit Brust, Armen und Flügel, den Leib mit dem meist weiten Gewand, die Füße – wie immer sie aussehen: mal barfuß, mal mit Sandalen. Wenn ich mir die Kinderzeichnungen in den Kölner Tageszeitungen anschaue, fällt mir genau das auf: Kinder wollen das, was sie zeichnen, eindeutig vorzeigen. Ein Fisch ist bei ihnen ein vollständiger Fisch, nicht nur ein Fischmaul, und wenn es ein Meeresfisch sein soll, dann wird der Fisch recht klein gemalt, damit viel Platz für das Meer bleibt, sonst könnte man ja vermuten, das sei gar nicht das Meer, sondern ein Ausschnitt aus einem Aquarium.

Jetzt habe ich das passende Stichwort ausgesprochen. Es heißt Ausschnitt. Sebastian Linnerz will uns gar keine vollständigen Engels-Körper zeigen. Er will uns Ausschnitte dieser Engelkörper zeigen. Warum? Er ist ja kein Vertreter eines Steinmetz-Betriebes. Der müsste einem Kunden, der eine Grab-Anlage mit Engel kaufen will, auf einem Foto klipp und klar zeigen, wie das Grab später aussehen könnte. Ein solches Foto muss den Engel natürlich ganz und gar komplett darstellen, damit der Käufer sich ein vollständiges Bild machen kann. Nun könnte sich der Fotograf Linnerz trotzdem entscheiden, uns die Friedhofs-Engel vollständig abgebildet vor die Augen zu führen. Aber genau das will er nicht. Er will uns nämlich nicht darauf aufmerksam machen, wie unterschiedlich Engel aussehen können, ob sie männlich oder weiblich sind, wie mannigfaltig die Schönheiten der Gesichter geraten sind, auch die der Haartracht, der Flügelgröße, der Flügelhaltung, der Gewandung dieser Engel. Er will uns vielmehr zeigen, wie sich diese zum Teil 100 Jahre alten Friedhofs-Engel aus Stein oder Bronze oder anderen Metallen durch die Witterung verändert haben, wie gealtert sie sind, wie sie sich verfärbt haben, wie ihnen Moos auf den Körpern wuchs, welche verschiedenen Beschädigungen sie erleiden mussten. Und dafür eignet sich der fotografische Ausschnitt am allerbesten. Unser Blick rückt dadurch sehr viel näher an die Engelsfigur heran, auch ist die fotografische Aufnahme dadurch klarer, schärfer, detailreicher. Bei dem einen Foto sehen wir lauter Löcher in der steinernen Haut des Engels. Einem anderen Engelsgesicht sind Nasen und Oberlippe aufgeplatzt, ihm ist all seine Schönheit genommen. Ein drittes hat dunkle Spuren um Mund, Kinn und Hals, irgendetwas muss ständig über dieses schöne Gesicht nach untengeflossen sein, bis es nicht mehr zu reinigen war; und dennoch hat dieser Engel seine Schönheit behalten. Schaut Euch die Fotos in aller Ruhe an, Ihr werdet noch sehr viel mehr von solchen Spuren der Veränderung finden. Ich sagte: Beim fotografischen Ausschnitt wird das Bild schärfer, detailreicher. Aber verwechselt das Foto nicht mit der Wirklichkeit. Auch das Foto kann täuschen. Sind die dunklen Spuren Löcher im steinernen Kopf oder haben sich Verschmutzungen auf der Stein-Oberfläche angesiedelt? Das seht Ihr erst, wenn Ihr Euch die Engelsfigur auf dem Friedhof selber genauestens anseht.

Mit dem Ausschnitt-Blick auf die Engel wird aber noch anderes erreicht. In der Kunst nennt man das Verfremdung. Es gibt ein Bild, da zeigt uns der Fotograf die Flügel von hinten und vom Engel sieht man so wenig, dass man auch glauben könnte, man habe eine Vogelfigur vor sich. Dann sehen wir da ein Foto, das ich ein Schattenbild nennen möchte. Der Fotograf hat es auf der Einladung zu dieser Fotoschau abbilden lassen. Es könnte ebenfalls einen Vogel darstellen, einen flatternden Vogel, der von einem Menschen, dessen Kopf man ebenfalls als Schatten sieht, gebändigt wird. Würden diese beiden Fotos nicht in einer Ausstellung hängen, von der gesagt wird, dass es sich um fotografische Aufnahmen von Friedhofsengeln handelt, hätte man als Betrachter seine Schwierigkeiten. Dasselbe gilt für drei weitere Engels-Fotos, auf denen nun gar keine Flügel zu sehen sind, obwohl die Ausstellung behauptet, sie zeige Flügelbilder. Auf einem Foto sehen wir ganz groß nur die übereinander gelegten Hände einer kopflosen Figur und das Gewand darunter. Auf dem anderen hält die Figur die linke Hand vor ihre Brust – auch hier sehen wir keinen Kopf. Das dritte Foto, das ich meine, zeigt eine flügellose Frau, diese aber auch nur im Ausschnitt – wir sehen den Kopf, dem die Haare mit einem Kopftuch verhüllt worden sind und den sie mit geschlossenen Augen an ihre rechte Schulter schmiegt, der Arm streckt sich auf einem Sockel links über den Bildrand hinweg, die Hand bleibt uns verborgen, wir sehen noch den Hals und einen kleinen Teil des Oberkörpers. Auch diese drei Figuren sind als Engels-Bilder oder Flügel-Bilder nur zu erkennen, weil der Künstler sie uns in einer Reihe mit den Engelsbildern zeigt, auf denen wir die Engel zu erkennen vermögen.

Warum macht er das mit uns? Warum fotografiert er Engel und lässt uns eins ums andere Mal rätseln, ob das eine oder andere Foto wirklich einen Engel darstellt? Weil er die Freiheit hat, das so und nicht anders zu machen. Niemand hat ihn beauftragt, Friedhofs-Engel zu fotografieren, und dazu gesagt: »Aber dass ich auf allen Fotos auch sehe, dass der Engel Flügel hat!« Unser Fotograf hat sich dieses Thema, auf Friedhöfen zu fotografieren, selber gesucht, er hat entschieden, mit der Ausschnitt-Fotografie könne er am besten zeigen, wie diese Engel gealtert sind im Laufe der Jahrzehnte, und mit derselben Technik der Ausschnitt-Fotografie versucht er, seine Fotos zu harmonischen Kompositionen zwischen Licht und Dunkel zu machen. Die übereinander gelegten Hände mitten im Bild, eine wunderschöne, ruhige Komposition. Daneben das Bild mit dem gesenkten Engels-Haupt auf der Schulter und dem nach vorn gestreckten Arm – vor einem weitgehend dunklen Hintergrund. Dieses Bild ist ebenso eindringlich in seiner optischen Wirkung.

Sebastian Linnerz sagt von seinen Fotos, der radikale Ausschnitt habe für ihn beim Fotografieren – zusammen mit Licht und der Bildkomposition – die allergrößte Bedeutung. Und ich will noch hinzufügen, dass er die Bild-Ausschnitte immer schon beim Fotografieren wählt und nie im Nachhinein beim Bearbeiten im Computer.

So, nun bin ich fast am Ende meiner Rede. Ich hoffe, ich habe mich für Euch Kinder verständlich machen können, ich bin kein Lehrer, der geübt ist, für Euch die richtigen Worte zu finden, aber Ihr könnt mir und auch dem Künstler jetzt auch noch Fragen stellen.

Auf zwei Dinge will ich noch hinweisen. Es gibt in Deutschland ein Engel-Museum, es heißt Deutsches Schutzengel-Museum, ist in Bretten bei Karlsruhe ansässig und befasst sich mit der Engels-Thematik in allen Religionen. Das zweite: Ich möchte Euch darauf aufmerksam machen, dass es viele Wörter in unserer Sprache gibt, die mit dem Wort Engel zu tun haben, ohne dass Engel gemeint sind, sondern meistens Menschen. So sagen Mütter zu ihren kleinen Kindern gerne, »Du bist mein Engel« – und wenn sie dann größer geworden sind und einigen Unsinn fabriziert haben, hören sie die Mutter gelegentlich sagen: »Du bist wirklich von allen guten Geistern verlassen!« – Dann sind die Kinder also schon längst keine Engel mehr, sie reden höchstens mit Engelszungen, um der Mutter klar zu machen, dass sie überhaupt keine Schuld daran haben und keine Vorwürfe verdienen, und die Mutter hört ihnen, wenn sie gut gelaunt ist, sogar mit Engelsgeduld zu. Für die Älteren von Euch, wäre das gewiss ein Thema. Ihr findet gewiss noch andere Engels-Vergleiche, die wir im Miteinander-Sprechen verwenden.

So jetzt aber Schluss.
Ich danke Euch für Eure Engelsgeduld.

(Februar 2010)